Wie Verlust mich lehrte Loszulassen

Ungefähr 30 – 40 Dinge befinden sich in und um meinen Rucksack. Darunter die alltäglichen Dinge wie Klamotten und Waschzeugs, genauso wie High-Tech Gegenstände wie Laptop, Kamera und jede menge Ladekabel. Auf meiner 17-monatigen Reise war der Rucksack voll und auch wenn ich anfänglich fest davon überzeugt war, dass ich aufgrund der gekauften Markenware keine Probleme mit meinem Equipment haben werde, so musste ich mich vom Gegenteil belehren lassen.

Dieser Gastartikel von Liane Völker (besuche ihren Blog Travelstoryteller) entstand im Zusammenhang mit dem Thema Verluste und Schäden auf Reisen (zum Artikel).

Loslassen um Glücklich zu sein

Sein Leben auf einen Rucksack zu beschränken bedeutet auch, dass alle Produkte in diesem Rucksack weitaus häufiger verwendet werden als es im alltäglichen Leben so üblich wäre. Auf Reisen lernt man deshalb eines besonders gut: Loslassen und sich mit Löchern, kaputten teuren Gegenständen abfinden und einfach weiter machen.

Als Fan der buddhistischen Philosophie glaube ich fest daran, dass ein Haften an materiellen Dingen uns davon abhält glücklich zu sein. Wer also noch das Glück sucht, dem rate ich zu reisen und ganz viel materiellen Verlust zu erleben.

Meine Verlustgeschichten

Manchmal ist so eine Verlustgeschichte ähnlich wie die Geschichte eines Walt-Disney Films. Alles ist super idyllisch und dann passiert etwas Dramatisches und am Ende gibt es eine Moral oder eine Weisheit. So ähnlich war es bei mir, als ich in den Hamptons in einem Tipi bei einem Schamanen lebte.

Mein neues Zelt

Auch wenn die First Nations nicht mehr in Tipis leben, so gibt es doch einige Schamanen die diese herkömmliche Art bevorzugen. Ich steckte also mitten in einem Abenteuer der Superlative, als ein Sturm das Tipi flutete.

So kam es, dass ich mein eigenes Zelt aufschlug um für den Ab- und Neuaufbau in meinem eigenen Zelt zu schlafen. Das Zelt – das sollte ich vielleicht dazu sagen – war nagelneu, ich hatte es in Toronto gekauft und bisher nur im Studentenwohnheim aufgebaut. Ich wollte ein gutes Zelt, schließlich wollte ich damit durch Alaska ziehen. Der Anblick am nächsten Abend, als ich es wieder abbauen wollte war dementsprechend Schmerzhaft – zu diesem Zeitpunkt war ich noch weit vom easy peasy loslassen materieller Dinge entfernt.

Das Zelt hatte ein Loch, ein großes Loch in der Außenwand. Bis heute weiß ich nicht was passiert ist, nur dass mein teures Zelt nach nur einer Nacht schon ein Loch hatte. Der Schamane merkte sehr schnell dass etwas nicht stimmte und betrachtete abwechselnd das Zelt und mich. Ach, das flicken wir schon wieder, sagte er ohne seine ruhige natürliche Art zu verlieren.

Was bleibt sind meist Narben, doch eine Narbe ist nichts schlechtes, es ist der Beweis eines überstandenen Abenteuers.

Als ich selbst nach zwei Stunden kein Lächeln über die Lippen bekam merkte er, dass die Sache für mich eben nicht so schnell gegessen ist. Doch was er dann sagte erwärmte mein Herz und irgendwie lernte ich nicht nur los zu lassen, sondern auch mich selbst ein Stückchen mehr anzunehmen.

Die Welt ist voller Schmerz, auch du hast schon Schmerz erlebt. Was bleibt sind meist Narben, doch eine Narbe ist nichts schlechtes, es ist der Beweis eines überstandenen Abenteuers. Dass du trotz harten Zeiten weitergelebt hast und darauf solltest du stolz sein. Dein Zelt mag jetzt ein Loch haben, doch wir werden es flicken und es wird fast wie neu sein. Und immer wenn du im Zelt liegst und den Aufnäher siehst, dann wirst du an mich und deine Zeit bei mir denken.

In jedem Leid steckt also auch etwas Gutes und so lernte ich das Loslassen.

Meine namenlose Technik

Mit geflicktem Zelt ging es also nach Alaska. Ein Land das mit der nächtlichen Kälte und dem anhaltenden Regen meinen elektronischen Geräten die ersten Grenzen aufzeigte. Mal ging das Handy nicht, mal wollte der Laptop nicht angehen, doch irgendwie funktionierte es am Ende doch.

Es heißt ja, man soll seinen Elektrogeräten Namen geben um ihre Langlebigkeit zu erhöhen. Leider konnte ich mich mit den Namen Herbert und Hugo nicht so anfreunden, sodass mein Laptop weiterhin ein Laptop war und meine Kamera weiterhin einfach nur eine Kamera. Vielleicht hätte Hugos Baby, das Objektiv Gubby, länger gelebt, wenn ich das mit den Namen durchgezogen hätte.

Doch die vielen Fotos die ich von Rehen in Kanada machte waren offensichtlich zu viel für Gubby, weshalb mein Objektiv einfach aufhörte automatisch zu zoomen. Naja was solls, selbst ist die Frau, dann zoome ich eben mit der Hand. Doch die greifbare Bedrohung meine Reise nicht mehr fotografisch festhalten zu können versetzte mich in einen schlimmen Starrzustand, der fast nicht schlimmer war als das Loch in meinem Zelt.

Zum Glück hatte ich die Wochen davor in einem Meditations-Retreat verbracht und gelernt, dass selbst das teuerste Objektiv nicht so wichtig ist, wenn man sich selbst genug ist und dem Leben die Chance gibt alles zu regeln. Es dauerte ein paar Stunden den Zustand zu akzeptieren und einfach darauf zu hoffen, dass mich das Objektiv, wenn auch mit Schaden, bis an das Ende meiner Reise begleiten wird.

Spoiler: Hat es, es hielt sogar noch etwas länger. In Indien hat es in der letzten Stadt die ich dort besuchte dann dennoch den Geist aufgegeben. Mein Reisebegleiter konnte es dann kaum fassen wie entspannt ich damit umging, dass es nun eben wirklich gar nicht mehr ging.

Das Smartphone

Als nächstes sollte mein Handy daran glauben. Jeder kennt das. Auf so einem Handy ist das halbe Leben verewigt. Fotos, Kontakte und einen Whats-App Account durch den ich den Kontakt zu Freunden hielt. Aber -40 Grad waren einfach zu kalt und die Höhe der Rocky Mountains hat dazu beigetragen dass es einfach nur noch flackerte und aufgab zu funktionieren.

Nach vielen verlorenen Socken, einem Schal und sämtlichen Lieblingskleidungsstücken, dem Loch im Zelt und dem kaputten Objektiv fiel es mir schon so viel leichter den Zustand von Verlust zu akzeptieren.

Meine Gesundheit

Den Höhepunkt erreichte ich in Zentralamerika. In Nicaragua vom Hund gebissen, in Costa Rica mit Chikungunya (tropisches Fieber) angesteckt und in Panama hatte ich dann noch eine Wasservergiftung. Reicht eigentlich, oder? Naja, so kaputt wie mein Körper war, so erschöpft und müde wie ich, so erschöpft war auch mein Laptop.

Mein MacBook

45 Grad und 98% Luftfeuchtigkeit war einfach zu extrem. Von – 20 Grad ins heiße Zentralamerika war der Hitzeschock schlechthin. Mein MacBook zeigte deshalb nur noch eine Farbe an: Schwarz. Kein Ton, kein Geräusch, einfach Tod. Doch ich selbst entschied für mich im Moment zu leben, den Zustand zu akzeptieren und mir und meinem Laptop eine Pause zu gönnen. Also schlief ich und erlaubte auch meinem Laptop mehrere Tage einfach in Ruhe gelassen zu werden. Im kühleren Bogota in Kolumbien traute ich mich dann wieder einen neuen Versuch zu wagen und konnte mein Glück kaum fassen. Es konnte also weiter gehen, nicht wie immer, denn seit Zentralamerika spricht mein Mac keinen Ton mehr mit mir, doch wir haben uns arrangiert und selbst 1,5 Jahre nach der Reise durch Zentralamerika hält sich mein Taub-Stummes MacBook ganz gut.

Fazit

So viel zu den Highlights zum Thema Verlust auf einer Langzeitreise. Mit materiellem Verlust umzugehen fällt mir nun wirklich außerordentlich leicht und ich bin dankbar für diese Erfahrung, denn seitdem ist mein Bedürfnis nach materiellen Dingen so unglaublich gering, dass ich selbst zurück im Heimatort kaum Bedürfnisse habe, die an materielle Dingen gebunden sind.

Über den Autor

Liane von Travelstoryteller Ich bin Liane von www.travelstoryteller.de. Meine Lebensphilosophie lautet: 100%! Wenn ich 100% ich selbst bin, mein Leben lebe, glücklich bin, dann kann ich auch 100 % geben. Ich möchte anderen Menschen helfen zu sich selbst zu finden und ihnen dabei helfen ihre Träume zu leben. Und das schöne ist, dass ich mit meinem Blog kreativ sein kann und euch mit auf meine Reisen nehmen kann!

2 Gedanken zu „Wie Verlust mich lehrte Loszulassen

    • Das stimmt wirklich. Wir leben ja schon in einer Überflussgesellschaft. Wenn man mal in ärmeren Ländern war sieht man ja mit wie wenig die Leute auskommen und trotzdem zufrieden sind. Und von Liane können wir natürlich jetzt auch lernen ?? viele Grüße

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