Drei Tage Coral Bay, Western Australia

Der letzte kostenlose Campingplatz vor Coral Bay war nicht mehr als ein großer Parkplatz mit Plumsklo und überdachtem Picknicktisch. Als wir gerade am essen waren kamen zwei weitere Campervans die so parkten, dass sie mit unserem einen Halbkreis bildeten. Drei gut gelaunte Reisende stiegen aus ihren Fahrzeugen und kommentierten dies mit einem: „Yeah, Baby“.

Reisende sind besser als Zeitungen

Die drei Deutschen waren unterwegs Richtung Süden und wir ließen uns von ihnen alles über Coral Bay und Exmouth erzählen. Die Spielchen mit dem Ranger würden also wieder losgehen, denn in den kleinen Ortschaften gibt es keine kostenlosen Campingplätze und keine Seitenstraßen in denen man gut hätte stehen können. Die Idee kam auf, über nach hier zu bleiben. Leider war Gemma von der letzten Nach auf dem Fahrersitz gezeichnet und hat darauf gedrängt nach Coral Bay zu fahren. Da wir eine Vereinbarung hatten, sind wir noch am Abend abgereist.

Gemma geht ihren Weg

Julia und Gemma haben im Hostel übernachtet, während Markus und ich auf dem Hostelparkplats gecampt haben. An dem Tag hat Julia sich entschieden mit uns weiter zu reisen und Gemma wollte eigene Wege gehen. Julia, Markus und ich reisen lieber etwas langsamer, genießen die Zeit und wenn uns ein Ort gefällt bleiben wir ein oder mehrere Nächte. Gemma scheint Zeitdruck zu haben, da sie so schnell wie möglich nach Darwin wollte. Wir sind zu dritt ein gutes Team und wir können gut zusammen auf engem Raum leben.

Ich bin Otto

Wir haben Julia um 9:30 Uhr am Hostel abgeholt und an der Strandpromenade gefrühstückt. Dabei sprach uns ein älterer Herr an.

„Ahh, you’re from Germany!“, sagte er und stellte sich vor: „My name is Otto. Nice to meet you!“. Wir plauderten eine Weile und erfuhren, dass Otto ursprünglich aus Dortmund kommt, genau wie wir. Er lebt bereits seit 50 Jahren in Australien und hat den Kontinent mit seinem weissen Van schon fünf mal umrundet.

„What are you guys up to today? Enjoying the sunshine?“, fragte er und schlug vor, eines der kleinen Paddelboote zu leihen. Julia und ich warfen uns einen kurzen Blick zu und ich fragte daraufhin Otto, ob er nicht mitkommen wolle. „Yes, we can do that“, antwortete er nach kurzem Ueberlegen und machte sich dann mit mir auf den Weg zum Bootsverleih. Wir haben zwei Kanus mit Glasboden geliehen. Julia teilte sich das Boot mit Otto. „You just sit there and have a look at the fish. Just lean back and enjoy the sun. Let an old man do all the paddling. I’ve done it before! I was a sailor.“

Kanu fahren in Coral Bay

Wir paddelt aufs Meer hinaus und sahen durch den Glasboden alle möglichen Fische und ein paar Rochen. Durch das hellblaue, glasklare Wasser konnten wir auch weit vom Ufer entfernt noch den Grund ganz genau sehen.

Ein Fotos lässt hier nur erahnen, wie es in Realität ausgesehen hat

Ein Fotos lässt hier nur erahnen, wie es in Realität ausgesehen hat

Zurück am Strand setzten wir uns auf ein paar Decken und hörten uns Ottos Geschichte an. Er erzählte von seiner Reise um die Welt, seiner Zeit auf einem Segelschiff und seinen Erfahrungen in Australien. Von Backpackern, die er mitgenommen hatte, lustigen Abenden in Hostels bei Bier und Chips, seinem Haus mit Swimmingpool in Perth, seiner Frau, die sich fuers Reisen zu alt fuehlt und seinem Wunsch, sein Haus in eine Unterkunft für Backpacker zu verwandeln. Er sagt: „Young people like you help to keep me young.“

Es war faszinierend. Seine Geschichten schienen niemals enden zu wollen. Wir wünschten uns, dass wir später auch noch fit genug sein würden, um die Welt zu bereisen und bewunderten ihn für seinen Enthusiasmus.

Tag am Meer

Den restlichen Nachmittag verbrachten wir am Strand und im Wasser.

Otto lädt ein

Erfrischt und abgekühlt gingen wir zu unserem Strandplatz, an dem Otto sich auf einer Decke niedergelassen hatte.

„Was haltet ihr davon, wenn ich euch heute in meinen Wohnwagen zu mir auf den Campingplatz einlade und etwas Leckeres für euch koche?“, schlug Otto vor. Ich war verwundert, dass er ploetzlich Deutsch sprach. Ein deutlicher englischer Akzent hatte sich im Laufe der Jahre mit seiner Muttersprache vermischt und es dauerte eine Weile, bis er die richtigen Worte fand. „Dann trinken wir einen guten Wein und machen eine kleine Party!“, fuhr er fort und fügte „Ich bezahle den Stellplatz, damit ihr noch eine Nacht bleiben koennt“ hinzu. In meinem Kopf widersprach das Wort Party der Tatsache, dass mir dies soeben von einem 75-Jaehrigen vorgeschlagen wurde. Ich konnte es immer noch nicht glauben, dass Otto tatsaechlich schon so alt und doch so jung war. Wir zögerten eine Weile, weil urspruenglich eine Weiterreise nach Exmouth geplant war. „Ist es nicht unhoeflich, das alles anzunehmen?“, schwirrte uns durch den Kopf. Doch wir sahen an Otto’s Gesichtsausdruck, wie viel es ihm bedeuten würde. „Andererseits wäre es unhöflich abzulehnen.“ Wir sagten zu.

Unser Campingplatz bei Coral Bay

Unser Campingplatz bei Coral Bay

Auf einem Campingplatz in Coral Bay

Otto’s Van erstrahlte von innen im Kerzenlicht und war in Räucherstäbchenduft eingehüllt. Es war Mazda E2000, wie unserer, jedoch in weiss. Otto hatte einen kleinen Tisch in die Mitte der Sofaecke gestellt und bat uns, es uns gemütlich zu machen.

„Kommt herein. Es ist genug Platz fuer alle.“ Er praesentierte uns daraufhin mehrere Weinsorten und schenkte uns nach kurzer Ueberlegung einen Rotwein ein. Es war unglaublich, was Otto alles in seinen Wohnwagen integriert hatte. Von Solarzellen auf dem Dach, einem Fernseher an der Innenwand über ein Gewürzregal und eine kleine Küchenzeile besass er alles, was das Herz begehrt.

„Geniesst den Abend, denn dieser Abend kommt nur einmal und nicht wieder. Diesen Abend gibt es nur ein einziges Mal und wir müssen unser Leben geniessen“, flüsterte Otto und drehte sich lächelnd in Richtung seiner urigen Küchenzeile, in der er Reis und eine Satay-Sauce für uns zubereitete. Wir aßen gemeinsam und lauschten den Rest der Nacht bei Unmengen von Kaffee, Kakao und Keksen weiteren Geschichten, an denen uns Otto teilhaben liess.

Corinna, Julia und Otto bei einem Glas Wein in Otto's Van

Corinna, Julia und Otto bei einem Glas Wein in Otto’s Van

Er zeigte uns Fotos und erzählte von Franzosen, Kanadiern, Deutschen und Japanern, die mit ihm gereist sind. Er zeigte uns sein Gästebuch, in das sich andere Backpacker auf seiner Reise eingetragen haben und bat uns an, zu ihm nach Perth zu kommen wo er ein riesiges Haus mit beheiztem Swimmingpool, einen Billardtisch und eine Bierkrugsammlung hat.

Otto hat seinen Traum gelebt. Aber der Traum ist noch nicht zu ende

Otto ist ein Mensch, der nach seinem 18. Geburtstag Deutschland verlassen und schon die halbe Welt gesehen hat und noch soviel mehr erleben will. Er ist in 7 Jahren ueber mehrere Kontinente gesegelt und am Ende in Australien gelandet. Er redete über seine Zukunftsplaene und all das, was er noch erreichen wollte. Über seine geplante Reise nach Thailand, den Kauf eines anderen Wohnwagens und seine Rueckfahrt nach Perth. Er schien ein Mensch zu sein, der bedingungslos glücklich ist und sein Leben in vollen Zügen geniesst. Ein Mensch, der lächelnd an die Vergangenheit zurückdenkt, Bekanntschaften und Freundschaften auf der ganzen Welt hat und sorgenfrei in den Tag hineinlebt. Nur in einem Moment liess er uns wissen, was ihn bedauerte:
„Das Einzige, was mir fehlt, ist…“ Otto machte eine Pause und holte tief Luft „ist natuerlich Jugendlichkeit“ sagte er und ihm war die Traurigkeit ins Gesicht geschrieben. Er sagte, wie gern er noch einmal jung sein würde und ermutigte uns, früh genug die Welt zu erkunden. Wir redeten bis tief in die Nacht.

Dieser Abend kommt nur einmal.

Am naechsten Tag lud uns Otto zum Frühstück ein. „Ich habe noch 4 Pancakes vom Vortag“, sagte er und drückte uns je einen Pfannkuchen in die Hand als wir uns auf seinen Campingstühlen die Morgensonne ins Gesicht schienen liessen. Daraufhin verschwand er kurz in seinem Van. Er kramte ein wenig und kam dann mit 2 Bananen zurueck. „Die sind von meiner eigenen kleinen Plantage in Perth“, sagte er. Bei Kaffee und Kakao trugen wir uns in sein Gästebuch ein und Julia erstellte eine Anzeige fuer ihn, die ihm helfen sollte, einen Reisepartner fuer seinen Rückweg nach Perth zu finden.

Und wieder nehmen wir Abschied

Wir hinterlassen unsere Telefonnummern, lassen uns seine Adresse fuer eine Postkarte geben und verlassen gegen 11:00 Uhr Coral Bay. Es ist traurig mit dem Wissen zu gehen, dass dieser Abend einmalig war. Wir verabschieden uns zwar mit „wenn wir bei Perth sind werden wir uns melden“ uns ist aber klar, dass wir uns nie wieder sehen werden.

Wir  moechten den Tag mit Otto als Bestandteil unserer Reise nicht missen. Er hat uns gezeigt, dass bis ins hohe Alter alle möglich ist, solange man es wirklich möchte und alles macht, um seine Träume wahr werden zu lassen …

Ein letztes Foto. Und weiter geht es in den Norden

Ein letztes Foto. Und weiter geht es in den Norden

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